libelle_klein

Leseprobe

next05»Frafa war dein Name, nicht wahr?«
  Durch eine Seitentür waren die beiden Nachtalben in einen schiefen Turm gelangt, der neben dem Drauzwinkel an der Stadtmauer stand. Im Inneren führte eine schmale Treppe in der Mauer nach oben bis zu einem Erker weit über der Stadt.
  Hier betrieb eine Nachtalbe ein ruhiges Lokal. Sie wirkte kaum älter als Frafa, doch sie hatte grüne Haare, die ihr bis zu den Hüften reichten. Bleidan stellte sie als Litiz vor.
  Das Lokal selbst bestand aus einer kleinen Theke, einem Regal mit großen und kleinen Urnen und Dosen dahinter und einem glänzenden Kessel, unter dem es warm glühte. Eigentümliche Bilder in Rot und Grün hingen an den Wänden, und die Tische und Stühle waren so zierlich, dass Frafa schon Bedenken kamen.
  Bleidan führte sie auf einen breiten Balkon, von dem aus man über den Stadtwall hinweg auf die Ebene dahinter schauen konnte. Die Wirtin brachte unaufgefordert zwei Becher aus feinem Porzellan mit einem dampfenden, schaumigen Getränk. Frafa blickte misstrauisch auf das Gebräu und rührte mit einem winzigen Löffel darin herum. Es hatte die Konsistenz von dünnem Schlick, und auch so ziemlich dieselbe Farbe.
  »Die Politik ist dir natürlich in die Wiege gelegt«, fuhr Bleidan fort.
  »Politik?« Frafa blickte zerstreut zu ihm auf. Sie hatte gehofft, mit ihm über Magie reden zu können.
  Sie hatte gerade an Saira und Tartanis gedacht, das bekannteste Nachtalbenpaar in der Geschichte der Stadt. Sie hatten zwei große Türme an den entgegengesetzten Enden von Daugazburg bewohnt und einander über Jahrhunderte hinweg magische Boten geschickt, fliegende Golems und Riesenfledermäuse, Luftgeister und Dämonen und was ihr zauberischer Erfindungsreichtum sonst noch ersinnen konnte.
  Saira und Tartanis galten als Sinnbild für die Liebe unter den Nachtalben, als ein Beispiel, an dem sich jede romantische Vorstellung ihres Volkes orientierte. Magie stand dabei im Mittelpunkt, denn Magie bestimmte das Leben der Nachtalben.
  Aber vielleicht, befand Frafa, war es auch nur eine Geschichte. Zumindest mussten Saira und Tartanis vor langer Zeit gelebt haben, denn heute kannte man sie nur noch aus dieser Erzählung, und niemand wusste, wo ihre Türme einst gestanden hatten.
  Bleidan sprach von anderen Dingen.
  »War deine Tante nicht Daugrula, die erste Zofe der Herrin? Damit hast du eine Verbindung zum Hof.«
  Frafa nickte eifrig. »Ich wollte bei meiner Tante lernen. Aber sie war zu beschäftigt und hat mich zu Aldungan geschickt. Ich folge dem Weg des Lebens, so wie sie, und ich wollte bei der Besten lernen. Man sagt, Daugrula war so mächtig, dass selbst die Bäume respektvoll zur Seite traten, wenn sie durch einen Wald wanderte.«
  Bleidan lachte. »Sie wird nicht oft einen Wald gesehen haben, hier in Daugazburg. Aber ich kann dir versichern, Aldungan ist auch ein fähiger Lehrherr. Deine Tante hat dich gut untergebracht.«
  »Aber meine Tante war im Palast, und Aldungan sitzt die ganze Zeit im Turm. Keiner von den Mächtigen spricht mit ihm.«
  »Und er nicht mit ihnen.« Bleidan seufzte. »Es ist nicht so, dass die Mächtigen ihn nicht achten. Aldungan selbst ist es, der sich von den Umtrieben bei Hofe fernhält. Er will seine Zeit nicht mit Gesprächen und Intrigen verschwenden, sondern alle Kraft auf seine Forschung richten. Womöglich ist das auch besser so. Ich glaube nicht, dass er in der Politik viel Neues beitragen kann. Aber wenn du Magie lernen möchtest, bist du bei Aldungan am richtigen Ort.«
  Frafa wollte nicht über den alten Aldungan reden. Sie bekam ihn ohnehin kaum zu sehen, obwohl sie seine Schülerin war. »Und was wolltet Ihr auf dem Drauzwinkel?«, fragte sie Bleidan.
  »Vermutlich dasselbe wie du«, sagte Bleidan. »Dabei sein und sehen, was geschieht. Vielleicht etwas lernen.«
  »Was könntet Ihr an diesem Ort schon lernen?«
  »Die Stimmung im Volk beispielsweise.«
  Frafa war enttäuscht. Sie verstand immer weniger, was Bleidan auf dem Platz gewollt hatte. Sie selbst war ja nur zufällig dorthin gelangt, aber das konnte sie unmöglich zugeben.
  »Es ging um die Hinrichtung eines Gnoms!«, sagte sie. »Auf dem Platz standen viele Gnome. Und Menschen. Wen kümmert deren Stimmung?«
  »Du weißt nicht, was für ein Gnom das war?« Bleidan klang enttäuscht, und Frafa schüttelte stumm den Kopf. Sie umklammerte den Becher, erinnerte sich erst jetzt wieder an das Getränk und nahm einen Schluck. Es schmeckte bitter und süß zugleich, mit einem Hauch von Schärfe darin.
  Im ersten Moment verzog Frafa das Gesicht, aber je länger der Geschmack in ihrem Mund blieb, umso angenehmer wurde er. Neugierig tastete sie mit der Zunge danach und nahm einen weiteren Schluck, fast wie unter einem Zwang.
  »Was ist das?«, fragte sie Bleidan und wies auf die Tasse.
  Der hatte soeben die Hand erhoben und den Mund geöffnet, als wolle er weiterreden. Nun hielt er überrascht inne, dann lächelte er. »Xotocl«, sagte er. »Die menschlichen Verbündeten aus dem Süden haben es mitgebracht, als sie Leuchmadans Ruf folgten. Ein stärkender Trank ist es bei ihnen, so bitter wie Medizin. Aber wir Nachtalben fanden heraus, dass es mit den richtigen Gewürzen verfeinert ganz einzigartig schmecken kann. Es hat sich in den letzten zwanzig Jahren überall in Daugazburg verbreitet.«
  Er winkte der grünhaarigen Wirtin zu. Die stand hinter der Theke und rührte Pulver in dampfendes Wasser ein. Sie lächelte zu ihnen herüber und erwiderte Bleidans Geste.
  »Viele Xotoc-Stuben haben seither eröffnet«, fuhr Bleidan fort. »Litiz hier findet für meinen Geschmack die interessantesten Mischungen. Und sie hat ein gutes Gespür dafür, was ihren Gästen munden könnte. Du warst noch nie an so einem Ort? Sie sind beliebt bei jungen Alben.«
  Frafa schüttelte den Kopf. »Ich komme selten aus dem Turm«, sagte sie verlegen. »Ich muss viel lesen«, fügte sie hinzu.
  »Aus den Büchern wirst du nicht erfahren, was heutzutage in Daugazburg vorgeht«, erwiderte Bleidan. »Zum Beispiel dieser Gnom, der verbannt wurde. Das war Wito, einer von jenen Kundschaftern, die bei der letzten Unternehmung deiner Tante dabei waren.«
  »Als Leuchmadans Herz verloren ging?«, fragte Frafa.
  »Wito der Gnom brachte Geliuna das Kästchen, und seitdem hatte er eine Stellung bei Hofe.«
  »Und meine Tante starb und hinterließ mir nichts weiter als einen lebenden Lederschlauch.« Frafas Stimme klang bitter. »Was will ein Gnom am Hof?«
  »Dieser Gnom setzte sich dafür ein, dass sein Volk bei Hofe keine Kuriosität mehr bleibt«, sagte Bleidan. »Er wollte Veränderungen. Posten sollten an alle Völker gleichmäßig vergeben werden. Geliuna sollte die Macht von Leuchmadans Kästchen nutzen, um dem Land Leben zu geben. Das wollte Wito bei Hofe erreichen.«
  Frafa blickte vom Balkon hinunter auf die Ebene. Sie war nicht länger grau wie noch vor einigen Jahren. Man hatte die Pflanzungen darauf ausgeweitet, und inzwischen erstreckten sie sich bis zum Horizont. Haine mit kleinen Bäumen und Feldern, Sträucher, die noch kraftlos und blass aussahen, die aber von Jahr zu Jahr besser gediehen. Regenwolken standen am Horizont und spendeten dem Land Feuchtigkeit, und selbst in Daugazburg gingen inzwischen fast jeden Monat kräftige Schauer nieder.
  »Genau das hat die Herrin doch getan!«, stellte Frafa fest. »Warum wurde der Gnom dann verurteilt? Hat sie etwa bereut, dass sie die Macht des Kästchens nicht für andere Zwecke nutzte und sich von dem kleinen Wicht bereden ließ?«
  Bleidan schüttelte den Kopf. Erheiterung blitzte in seinem Gesicht auf. »Ich glaube kaum, dass ihre Entscheidungen etwas mit diesem Gnom zu tun hatten. Vielleicht hat sie sich mit Wito überworfen, weil ihm das Landbauprogramm nicht weit genug ging. Aber vermutlich ging es eher um die Ziele der politischen Vereinigung, die Wito gegründet hat. Grüne Lande, so nannte sie sich. Aber es ging ihm nicht nur um die Fruchtbarkeit des Landes. Er forderte eine gleichberechtigte Stellung für Gnome neben Goblins und Alben.«
  Frafa lachte auf und legte rasch die Hand auf den Mund, als sie erkannte, dass Bleidan bei diesen Worten ernst blieb.
  »Das mag erheiternd klingen«, sagte der Meisterschüler. »Aber Wito hatte viele Anhänger unter den Gnomen. Und wer weiß? Was uns heute wie ein belustigendes Hirngespinst klingt, mag morgen schon die Grundfesten der alten Ordnung erschüttern. Es gibt inzwischen zahlreiche politische Vereinigungen. Dieser Wito war noch Geliunas kleinster Kritiker ...«
  Bleidan grinste bei dem Bild, aber Frafa lauschte mehr seiner wohlklingenden Stimme und dem Rhythmus der Worte als ihrem Inhalt. Ihre Gedanken schweiften wieder zu Saira und Tartanis. Sie fragte sich, ob Bleidan wohl fliegende Wesen aus Pflanzen wachsen lassen konnte. Sie sah es vor ihrem geistigen Auge, grüne Geschöpfe mit Blütenaugen und Blätterschwingen, die zwischen den Türmen von Daugazburg schwebten und dem Geliebten Zeugnis von der magischen Kunst ihres Schöpfers gaben.
  Wenn es nicht möglich war, solche Wesen zu erschaffen, befand Frafa, dann sollte es sie zumindest geben.
  Sie lächelte, während Bleidan von den politischen Vereinen in der Stadt erzählte und sich über Geliunas umstrittene Entscheidung äußerte, nach Leuchmadans Sturz die menschlichen Verbündeten gehen zu lassen und den Krieg zu beenden. Bleidan sprach von der Einheit der Vielen, dem Wahlspruch der Grauen Lande, und wie derzeit viele versuchten, diesen Worten einen neuen Sinn zu geben – wie Wito, der Gnom, der deswegen verurteilt worden war.
  Frafa ließ sich von seinem Redefluss einhüllen. Sie schaute hinunter auf die Fläche jenseits der Stadtmauer, wo sich der Zollmarkt erstreckte. Die besten Angebote hatte sie wohl schon versäumt. Doch dafür hatte sie eine Bekanntschaft geschlossen, die ihr mehr bedeutete als die Besorgungen für einen Meister, der sich vermutlich nicht einmal mehr daran erinnerte, was er ihr heute Morgen aufgetragen hatte.
  Frafa trank aus ihrem Becher und ließ den Blick von der Landschaft zur Wirtin wandern. Ob Litiz ihre Haare wohl mit Essenzen gefärbt hatte oder mit Magie? Oder gab es tatsächlich grünhaarige Alben? Der Gedanke gefiel ihr.
  »Wenn du dich für diese Dinge interessierst, kann ich dich einmal zu einer unserer Versammlungen mitnehmen«, sagte Bleidan gerade.
Frafa schaute ihn an und lächelte, ließ ihre spitzen Zähne für ihn aufblitzen. »Oh, sehr gern!«, antwortete sie.

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