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Darnamur verließ die Gnomenstube im Roten Drachen. Ganoch folgte ihm und auch Dranjar und Batha, zwei weitere Gnome aus Darnamurs Gruppe. Auf der Treppe nahmen sie wieder ihre normale Größe an. Batha sicherte zur Gaststube hin, Dranjar übernahm den Hinterausgang. Die beiden anderen öffneten die Kellertür. Die Gnome überzeugten sich davon, dass niemand sie beobachtete, dann huschten sie die Treppe hinab. Sie entzündeten kein Licht. Ihre Nachtsicht und ihr Raumgefühl reichten aus, um sich zu orientieren. Sie stiegen über einen schmalen Rost im Boden, unter dem sich ein dünnes Abflussrohr verbarg. Dahinter führten ein paar weitere Stufen hinab in ein ausgedehntes Kellergewölbe. Hier lagerte Beuzabar seine Vorräte an Wein und Bier. »Ich hätte nie geglaubt, dass die Zwerge liefern«, stellte Ganoch fest. »Nachdem wir ihnen verraten haben, wo sie das Gold finden, hatten sie keinen Grund mehr, ihren Teil der Abmachung einzuhalten.« »Man muss diese Barttreter zu nehmen wissen«, sagte Darnamur. Ein selbstgerechtes Lächeln kräuselte seine Mundwinkel. »Zwerge lieben zwei Dinge: Schätze und das Werk ihrer eigenen Hände. Gold horten sie gierig, aber ihre Kunst zeigen sie gern vor und prahlen damit. Hätten wir einen Anteil an dem Schatz verlangt, hätten sie uns hintergangen. Aber wir wollten als Gegenleistung die höchste Kunst ihres Handwerks sehen! Sie hatten keinen Grund, das abzulehnen.« Der Boden vor den Fässern war mit Quadersteinen ausgelegt und abschüssig. Er lief auf einen größeren Abfluss zu, einen Schacht, der selbst für Menschen breit genug war. Ganoch nahm das Eisengitter heraus und schob es zur Seite. Es schepperte auf dem nackten Stein. Dunkle Eisenwinkel waren in die Schachtwände getrieben worden, eine schmale Stiege, die in die Abwasserkanäle hinabführte. Darnamur tastete mit dem Fuß nach der ersten Sprosse, die für einen Gnom sehr tief angebracht war. Dann stieg er hinab. Dranjar und Batha folgten ihm, Ganoch zerrte das Gitter hinter sich wieder über die Öffnung. »Ich frage mich doch, ob wir die Reichtümer gut angelegt haben«, murrte er dabei. »Wir hätten sie selbst ausgraben und sinnvoll verwenden können. Genug Gold, um das Reich damit zu kaufen!« »Ein Reich«, sagte Darnamur, »kauft man mit Blut.« Drei Menschenlängen tiefer hielt er inne und tastete an der gegenüberliegenden Wand nach einer Lücke. Der Schacht führte noch weiter hinunter. Tief unter sich hörte Darnamur den Kanal in der Finsternis gluckern und träge schwappen. Seine Füße fanden Halt. Auf der anderen Seite des Schachts war ein Durchlass, so breit, wie ein Gnom lang war, und deutlich höher. Mit einem wagemutigen Satz löste Darnamur sich von der Wand und sprang in den Hohlraum. Der Durchlass mündete bald in eine größere Kammer. An einer Seite stapelten sich Fässer und Ballen. Gleich hinter dem Eingang waren Dutzende ebenmäßiger Truhen aufgereiht, in unterschiedlicher Größe, aber allesamt aus glatt poliertem Holz gezimmert und mit festen Beschlägen verstärkt. Ganoch trat als Letzter ein. »Heute ist ein trauriger Tag für unser Volk«, sagte er. »Wir haben Wito verloren. Ich wollte unsere Trauer über diesen Verlust nicht mindern, indem wir uns gleich an unseren Neuerwerbungen erfreuen, oder die Freude schmälern, indem sie sich mit dem Schmerz vermischt. Ich hätte dir das hier lieber erst morgen gezeigt. Immerhin war Wito dein Hauptmann. Es tut mir leid, dass diese Schwätzer sich verplappert haben.« »Kein Tag wäre besser geeignet, um diese Lieferung entgegenzunehmen«, erwiderte Darnamur grimmig. »Wir sollten sie so rasch wie möglich inspizieren und dann wegschaffen, an Orte, die nur ein Gnom erreichen kann. Lass uns anfangen.« Ganoch nahm eine Öllampe von einem Fässchen neben dem Durchgang und entzündete sie. Batha schnupperte. Die Luft hier unten roch faulig und stechend. »Wann immer hier eine Flamme angeschlagen wird«, sagte sie, »erwarte ich einen Feuerball.« »Beuzabar benutzt dieses Schmugglerloch schon seit Jahren«, entgegnete Dranjar. »Und das Einzige, was seither hochgegangen ist, sind seine Einnahmen.« Ganoch und Darnamur achteten nicht auf das Geplänkel ihrer jüngeren Kameraden. Sie traten gemeinsam zur ersten Truhe und klappten den Deckel hoch. Dann schritten sie die ganze Reihe ab, und Darnamur untersuchte die Lieferung ihres verbündeten Zwergenclans aus den Schraffelgraten. Der Inhalt einiger Truhen glänzte weiß im Lampenlicht. Das kalte Gebein darin schluckte die gelbe Wärme des Feuerscheins und warf ihn fahlsilbern zurück. Darnamur fand Messer und Dolche und Kurzschwerter; Kurzbögen und kleine Armbrüste mit Schnellspannratschen – der Schaft aus Holz, Bügel und Mechanik ebenso aus silberweißem Knochenmaterial. Andere Truhen enthielten Hunderte von Speerspitzen, geschliffen und poliert wie Rasierklingen, daneben Tausende von Pfeilspitzen. Der Inhalt dieser Kästen war nicht nur knochenweiß, zuweilen schimmerte er grau oder metallen wie echtes Silber. Mitunter glänzte es dazwischen auch rot wie Rubin. Darnamur ließ die Pfeilspitzen wie kleine Steine durch die Finger rieseln. Die scharfen Kanten hinterließen Kratzer auf seinen Handschuhen. Ganoch zeigte auf eine letzte Kiste, die kleinste in der Reihe. »Selbst die Reste, mit denen man nichts mehr anfangen kann, haben die Zottelfratzen uns mitgeschickt. Sie haben Zahnstocher daraus geschnitten!« Darnamur warf einen Blick darauf. »Winzige Speere, die wir nur in unserer kleinen Gestalt benutzen können«, stellte er fest. »Wir können sie nicht als Waffen mitnehmen, aber wir können sie in unseren Verstecken aufstellen. Damit lassen sich zumindest Tiere fernhalten.« Er ging wieder Richtung Eingang und blieb dort vor einer Truhe stehen. Er nahm ein Kurzschwert heraus und wog es in der Hand. Es glich von der Machart den Messern, die Wito vor zwölf Jahren für seinen Trupp eingeführt hatte: aus einem einzigen Knochen geschnitten, den Griff für besseren Halt mit Lederriemen umwickelt. Allerdings war es viel länger als die Knochenmesser, die Darnamur bisher gesehen hatte, und viel feiner gearbeitet. Die Klinge war schmal und selbst an der dicksten Stelle so dünn wie Pergament. Ein filigraner Handschutz saß zwischen Griff und Klinge, ein Knauf bot der Hand zur anderen Seite hin Halt. Es lag gut in Darnamurs Faust. Die Klinge aus Gebein war leichter, als er es von einer Waffe dieser Größe erwartet hatte, und doch vermittelte sie ein beruhigendes Gefühl von Festigkeit. Darnamur wirbelte herum und hieb das Schwert gegen die Wand. Funken sprühten. Es knackte und scharrte und Splitter flogen in alle Richtungen. Ganoch trat einen Schritt näher und hob die Lampe. Ihr Schein fiel auf eine frische Kerbe im Stein. Darnamur untersuchte die Klinge und fand sie makellos. Er erkannte sogar die feinen Löcher und Kanäle auf der Oberfläche, auf die er großen Wert gelegt hatte – eine Möglichkeit, um die Waffen in Gift zu tränken, damit die Gnome auch in ihrer kleinen Gestalt nicht mehr ohne Stachel waren. Darnamur schloss die Faust fester um den Griff und grinste wild. Seine Zähne glänzten so weiß wie das fahle Gebein in den Truhen. Endlich hatte er die Kriegsbeute eingefordert, die ihm rechtmäßig zustand! Genug Waffen, um alle Gnome seiner Gruppe auszustatten, und noch viele mehr. Die Zwerge hatten ihm Waffen geliefert, geschnitten aus den Knochen und den Schuppen eines Drachen. Nicht irgendeines Drachen, sondern eines großen Unkwitt, dem Letzten seiner Art. Knochen, die härter waren als Stahl. Aber anders als gewöhnliche Waffen aus Stahl bestanden diese aus einem lebenden Stoff. Ein Gnom konnte sie mitnehmen, wenn er die Größe änderte. Es waren wirkliche Waffen, in groß und in klein zu gebrauchen und leicht an jeden Ort zu bringen, den ein Gnom erreichen konnte.

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